Staffel 1: Episode 1: DER TOD GEHT MIT
Drehbuch: Franz Xaver Sengmüller


Die allererste Episode von Wildbach fängt mit einer Sequenz an, die die gesamte weitere Serie definieren wird: Ein übermutiger und nicht sonderlich intelligenter Teenager mit geringer Alpinerfahrung erspäht mitten in einer Felswand ein paar blaue Enzian und beschließt, da kurz mal hochzuklettern und sie zu holen. Seine Freunde halten ihn nicht davon ab. Es kommt, wie es kommen muss: Er verletzt sich bei dem Versuch, die Blumen mit einem riesigen Klappmesser abzuschneiden (Junge, das sind Enzian, keine Schlingpflanzen!), an der Hand und kann nicht mehr vor und nicht mehr zurück.

Bernd (ich werde nicht so tun, als wüsste ich nicht, wer wer ist, okay?) fährt unterdessen mit dem Auto in Richtung Wildbach. Zwei Wegweiser lassen uns wissen, dass Wildbach 17 km von Garmisch-Partenkirchen entfernt ist, und "Damn I Wish I Was Your Lover" dudelt im Radio - und wenn das eine Vorschau auf das pathetische Dreieck Bernd-Lissy-Conny sein soll, dann hatte man damit wohl mehr vor, als draus geworden ist. Jedenfalls kommt er beim Polizeiposten an, wo er auf einen nie wieder gesehenen Kollegen namens Schorsch trifft, der sich soeben mit Conny auseinander setzen muss, weil der irgendeine Schnapsidee zur Steigerung seines Kundenpotenzials hat, die unerklärlicherweise die Polizei betrifft. Man stellt sich einander vor, und dann wird dem Schorsch klar, dass das Quartier, das er dem Bernd besorgt hat, beim Martin ist, und Conny ihn da ja wohl mal grad hinfahren könnte. "Eine Hand wäscht die andere", gibt Conny zu bedenken, und Schorsch sagt, er wird sich das überlegen. Aha, so läuft das hier also.

Kramerhof. Conny expositioniert über Martins Australien- und Amerika-Aufenthalte und wie ausgeglichen er doch sei. Martin, nicht Conny. Auftritt: Laut fluchender Martin, der aus seiner Erfinderstube herauskommt und dann dem Bernd sein neues Zimmer zeigt. Conny weist recht kontextlos darauf hin, dass die Tochter des Hauses schon vergeben ist. (Ja, an Satan! Aber mehr dazu später.)

Unterdessen anderswo: Teenager laufen hysterisch auf eine Hütte zu. Warum nur?

Bei Martin und Conny piept's. Ihr Pieper piept, um genau zu sein. Hey, diese Episode ist von 1993, da gab's noch keine Handys! In der Leitstelle rekapituliert Emmeran ihnen gegenüber die Lage: Teenager in Felswand, hängt fest. Sepp und Alois kommen auch noch dazu, werden aber noch nicht weiter vorgestellt.

Stattdessen schneiden wir rapide um zur nächsten Szene, in der unsere Helden bereits an der besagten Hütte sind und sich die Richtung zeigen lassen. Nach kurzem Geplänkel erreichen sie die Stelle, wo der Teenager, so unwahrscheinlich das ist, immer noch in der Wand hängt. Es folgt eine recht elaborierte Rettung, bei der Martin zuerst Alois die Wand heraufschickt, um von oben einen Haken für die Sicherung anzubringen. Danach klettert Conny seitlich des Teenagers hoch, schwingt sich schließlich recht spektakulär die Wand entlang und landet direkt auf dem Jungen. Für mich sieht das unnötig riskant aus, aber was weiß ich schon. Auf dem Rücken bringt Conny ihn herunter. Und Alois pflanzt den Enzian wieder ein. (Und damit endet diese Story komplett und wird nie wieder erwähnt werden. Offenbar diente sie nur dazu zu zeigen, dass die Wildbacher Bergwacht nicht so inkompetent ist, wie sie später in der Episode rüberkommen wird.)

Am Kramerhof taucht Lissy auf. Shit. Tja, es musste ja irgendwann passieren. Ich habe keine Ahnung, wovon die beiden reden, aber man hat das Gefühl, Lissy denkt, Bernd würde sie anmachen. Er will sie und Martin zum Essen einladen, sie hat aber keine Zeit, weswegen sie nur für die beiden einen Tisch reserviert - im Böglerhof. Wo - Schnitt! - Christl irgendwelchen Gästen das Zimmer zeigt, in ihren Sohn Florian hinein rennt und ihren anderen Sohn Stefan mit ihrer Auszubildenden Christl herumalbern sieht. Gott, mir war nie klar, wie viele Personen uns in dieser Folge vorgestellt wurden!

Jedenfalls sucht Christl Stefan auf und sagt ihm im Grunde, er solle nicht mehr mit Untergebenen rummachen.

Kramerhof. Martin putzt seine Harley. Lissy nervt. Niemand will mit Bernd zu Abend essen, aber Martin lässt sich erweichen. Vater und Tochter "drehen eine Runde" auf der Harley.

Böglerhof. Alois kommt herein; Tanja gibt ihm einen Korb nach dem anderen, eskalierend in einem zerbrochenen Glas und "Hau ab!". Alois will traurig von dannen ziehen, als Stefan ihn aufhält, um ihn zu bitten, mit irgendwelchen Gästen auf den Berg zu gehen. Alois dreht komplett ab: "Ihr könnt mich darin alle am Arsch lecken!" Dann verzieht er sich. Tanja guckt blöd.

Abends. Bei Zither- und Gitarrenspiel erklärt Bernd, warum er nach Wildbach gekommen ist: Er ist einfach kein Stadtkind und seine Freundin hat ihn verlassen - immer ein guter Grund. Unterdessen bei Conny: Lissy schneidet Gemüse und ist irritiert, dass sie nicht nur für Conny kochen soll, sondern gleich für eine ganze Dinnerparty mit dessen "Geschäftspartnern" (Conny) bzw. "Freundinnen" (Lissy). Im Böglerhof mehr Exposition: Lissy leitet das Fremdenverkehrsbüro, Martin ist Erfinder eines Rettungsballons. Christl schaut vorbei und wird dem Bernd vorgestellt; außerdem erfahren wir von ihr, dass Lissy morgen mit Conny und Stefan auf die Zwölferkante will, was Martin neu ist.

Stehparty bei Conny: Wir lernen im Vorbeigehen Inge, Connys Verkäuferin, und den Hofer, Sportarzt und Connys Vermieter, kennen. Conny will noch mit seinen Geschäftspartnern in die Disco und daher die Tour verschieben, was Lissy nicht so toll findet.

Stefan verabschiedet sich im Böglerhof von seinem kleinen Bruder Florian, der am nächsten Tags ins Internat zurückfährt - eine Szene, die überhaupt nur Sinn macht, wenn man schon das Ende der Episode kennt. Aber egal.

Am Kramerhof expositioniert der zurück gekehrte Martin, dass Stefan nicht so toll im Klettern ist und dass auf der Zwölferkante schließlich schon Lissys Mutter dereinst ihr Leben lassen musste. Lissy schlägt daher stattdessen die langweilige Nordwand der Alpspitze vor, was Martin schon viel besser gefällt. Sie solle nur genügend Haken mitnehmen und "Klimmkeile". (Wirklich, das sagt er.) Was lustig ist, weil gerade die Nordwand der Alpspitze dafür berüchtigt ist, dass sie wahrscheinlich in sich zusammenbrechen wird, wenn auch nur ein einziger weiterer Haken hinein geschlagen wird.

Am nächsten Morgen sperrt Emmeran die Leitstelle auf und hört den Anrufbeantworter ab. (Man sollte um Wildbach herum also lieber nicht nachts abstürzen?!) Weitgehend konsequenzlos erklärt ihm ein "Karl", dass er trotz Bereitschaft zum Zahnarzt muss.

Vor dem Böglerhof: Florian fährt zurück ins Internat nach München. Exposition darüber, dass er kein guter Schüler ist. Gähn. Zum Glück sind diese Sequenzen in dieser ersten Folge alle unheimlich kurz. Die nächsten drei Sekunden: Conny hat Kundschaft. Die nächsten zehn Sekunden: Martin führt in seiner Werkstatt dem Bernd seinen Lawinensack vor, der sich bei Gefahr aufbläst und den Skifahrer an der Oberfläche schwimmen lassen soll. Was es daran noch zu verbessern gebe, fragt sich Bernd. Ich persönlich fänd's gut, wenn der Verunfallte hinterher Zugang zu der Luft in dem Sack hätte, um sie einzuatmen, aber Martin geht es eher um die Auslösezeit. Meinetwegen.

Alois' Tankstelle. Sinnloses Geplänkel mit idiotischen Touristen, bis Alois' Pieper losgeht. Am Kramerhof wird Martin von Emmeran darüber unterrichtet, dass es auf der Zwölferkante einen Unfall gegeben hat und zwei Bergsteiger hilflos in der Wand hängen. Martin braucht ein bisschen, bis ihm klar wird, dass die Alpspitze Lissy offenbar doch zu langweilig war.

Leitstelle. Martin ist der Letzte (bis auf Conny, der mit dem Zahnarztpatienten den Dienst getauscht hatte, und zurück gelassen wird). Der Hubschrauber ist angefordert, aber Conny ist nicht aufzutreiben, also muss Jungbergwachtler Sepp mit. Sie steigen in den Hubschrauber und fliegen los. Heli Alpin Knauss bekommt gutes Product Placement, und wir bekommen ein paar schöne Luftaufnahmen. Im Abspann wird immer dem Alpbachtal gedankt, aber die gesamte folgende Sequenz wurde ganz klar im Rofangebirge (zwischen Achental und Inntal) gedreht; an einer Stelle kann man hervorragend den Zireiner See erkennen.

Es sind tatsächlich Lissy und Stefan - sie hängt hilflos unter einem Felsvorsprung, er ist offenbar ins Seil gestürtzt und baumelt nahezu bewusstlos umher. "Stefan, halt durch", schreit sie. Unterdessen offenbart Martin seinen Leuten die Identität der Abgestürzten - "ihr wisst also, worum's geht." Soviel zur noblen Bergwacht, die sich immer bis zur Selbstaufgabe anstrengt! Ein lächerlicher Knoten rutscht. Der Hubschrauber landet. Man begutachtet die Situation; Martin erklärt, die Bergung werde "schwierig" werden. Was ich nicht verstehe: Am Gipfel ist ein Haken mit demselben violetten Seil angebracht, an dem Stefan hilflos in der Wand hängt - das heißt, der Sturz ist im Abstieg passiert?

Christl kommt in die Leitstelle, aber Emmeran hält sie hin. Conny ruft an und ist "in zwei Minuten da".

Der Hofer und Alois seilen sich ab in die Nähe vom Stefan, während Martin - Profi, der er ist! - sich zu seiner Tochter abseilt und dem völlig unerfahrenen Sepp quasi allein die Einsatzleitung überlässt. Der Hofer teilt uns mit, dass Stefan praktisch bewusstlos ist (was wir eh schon wussten), während er und Alois sehr langsam und unerklärlich weit von Stefan weg den Berg herunterkrabbeln. Alois wirkt absolut verängstigt, wofür aber partout keine Erklärung gegeben wird. Martin will über Funk wissen, wie es bei Ihnen aussieht. Alois: "Der kann sich nicht rühren, und sagen tut er auch nichts." Der Hofer: "Ja, wahrscheinlich schnürt ihm der Klettergurt die Nieren ab." Oja, ich hatte mal eine Unterhose, die mir die Nieren abgeschnürt hat, da war ich auch zwei Wochen lang praktisch stumm.

In der Leitstelle geht Christl auf und ab und es wird klar, dass es um Stefan und Lissy geht. Conny wird zusammen mit einer Vakuummatratze mit dem Hubschrauber nach oben gebracht.

Martin erreicht Lissy, aber die will nur, dass ihr Vater sich um Stefan kümmert, denn der ist schließlich wirklich verletzt. Frustriert erklärt sie, was passiert ist: Stefan ist gestürzt, hat Lissy hochgerissen, sie kommt über den Felsvorsprung nicht drüber. Martin geht wieder hoch.

Alois hat in der Zwischenzeit ein Seil geklöppelt und einen Karabiner drangehängt. Das wirft er Stefan zu, der aber zu bewusstlos ist, um danach zu greifen. Gibt es für solche Fälle nicht irgendwelche Haken, mit denen man das Seil heranziehen kann? Und warum versucht niemand, Stefan vom Gipfel aus hochzuziehen, so dass er nicht mehr in der Luft hängt und jemand zu ihm herüberklettern kann?

Martin erklärt Sepp auf dem Gipfel, dass Sepp Lissy wird halten müssen, wenn Stefan "vom Seil ist", weil Martin selbst nach der ganzen Kletterei dafür zu kaputt ist. Armer Martin. Dummer Martin. Verklagter Martin. Sepp bereitet sich darauf vor.

Alois verbringt jede Menge Zeit damit, "Stefan, nimm's Seil" zu rufen, was vergleichsweise wenig Erfolg hat. Darum beschließt Alois jetzt: "Wart', ich komm jetzt einfach runter." Super Idee, Alois. Hättest du das fünf Minuten eher entschieden... Unterdessen erreicht Sepp die unerträglich weinerliche Lissy und sichert sie. Der Hubschrauber mit Conny landet. Stefans Knoten rutscht weiter. (Ich habe wirklich Mitleid mit Stefan, aber welcher Idiot macht einen solchen Knoten? Ich bin kein Experte, aber knüpft man beim Klettern die Knoten nicht grundsätzlich so, dass sie bei Belastung fester werden statt lockerer?)

Alois will jetzt Stefans Hand, aber der hat weder die Kraft noch die Beweglichkeit, sie ihm zu reichen. Sie sind nur noch Zentimeter auseinander, als sich der Knoten löst und Stefan in den Tod stürzt. Alois schreit, der Hofer schließt die Augen, Alois heult. Conny ist bei der Lissy, die auch heult. Warum ist Conny bei Lissy? Erstens war sie nur leicht verletzt, und zweitens hatte Sepp sie schon gesichert! Wäre es nicht schlauer gewesen, zum Schwerverletzten, der im Seil hängt, zu klettern?

Am Gipfel. Lissy, die sich anscheinend doch ein bisschen verletzt hat, wird festgezurrt und fliegt, gemeinsam mit dem Hofer am langen Seil unterm Hubschrauber hängend, davon. Ich hoffe, ich muss nie so gerettet werden...! Conny gibt sich die Schuld an Stefans Tod, weil er nicht mitgegangen ist, was ziemlich dumm ist, und nicht, weil er nur Lissy retten wollte, was einigermaßen plausibel wäre.

Im Böglerhof führt eine erstaunlich gefasste Tanja Martin zu Christl, die das macht, was man in solchen Situationen in einer Serie immer macht: Sie steht da, blickt ins Leere, geht nochmal durch, was für ein Mensch ihr toter Sohn war, dass sie zuletzt Streit mit ihm hatte, dass sie nicht mehr weiß, was sie als Letztes zu ihm gesagt hat. Kein Mensch macht sowas in Wirklichkeit. Martin will für sie da sein, aber sie lässt ihn nicht. Nur ruhig, Martin, das wird schon noch.

Kramerhof. Bernd kocht. Bernd kocht im Kramerhof?! Meinetwegen. Aber Martin will nichts essen; er will nur auf seiner Harley in den gefaketen Sonnenuntergang des Alpbachtals fahren.